Bericht über die Zeit im Sekem
- Ausbildung für Eurythmie im Arbeitsleben -
Von 20. Januar bis 18. Februar 2011
Das Wetter und die schöne Landschaft vom Sekem begrüsste uns mit herzlichstem Willkommen. Wir lernten die Eurythmie Studenten kennen, die uns durch die vier Wochen begleitet haben, sowohl als Übersetzer in den kommenden Stunden als auch als Kollegen in die Stunde von Annemarie.
Die Arbeit mit der Grundsteinlegung und den sieben Rhythmen liegt mir sehr nah, und ich habe es mit grosser Freude empfangen! Während der ersten Woche habe ich versucht die Umgebung zu beobachten und war ziemlich beeindruckt von der sozialen Lage, in der wir uns befanden.
Wir haben die verschiedenen Farmen besucht und die Offenheit und Freude, welche die Arbeiter während der Arbeit uns gezeigt haben, prägte sich in meiner Seele ein. Obwohl ich keinen Druck bei der Arbeit gespürt habe, berührten mich die menschlichen Bedingungen dieser Arbeit, denn ich fühlte mich den jungen Mädchen, die zwischen 15 und 22 Jahre alt sind, verwandt. Darum habe ich beschlossen, dass ich am liebsten mit einer Mädchengruppe arbeiten würde, und zwar mit den sogenannten "Dattelnmädchen" - die Arbeit dieser Mädchen besteht aus dem Entkernen der Datteln.
Diese Woche habe ich "Sie und Wir" (die Arbeiter und die Europäer) stark erlebt und fand keine äusserliche Brücke, um diesen Abgrund zu überschreiten. Dies lastete auf meinem Gewissen. Nun, am fünften Tag, explodierte die Revolution und unsere Seelen waren durch dieses grosse Geschehen sehr geprägt. Wir erlebten innerlich, mehr oder weniger, alles was draußen geschah, ohne wirklich zu wissen wie/was passierte. Wir alle beschäftigten uns sehr damit und langsam wurden wir innerlich unruhig. Bemerkenswert ist die Tatsache, dass keiner der Mitarbeiter der Sekem Farm mit der Arbeit aufgehört hat.
In der zweiten Woche stiegen wir mit einer ganz anderen Kraft und Haltung in die Eurythmie ein. Annemarie förderte unsere Präsenskraft in der Eurythmie auf maximal, und wir konnten damit tief in unsere Arbeit leben. Wir haben dann den "Prozess mit den 7 Schritten", auf den Annemarie
grossen Wert legt, angefangen. Dies hilft mir sehr, eine bessere Meinung oder Urteil über die Welt und über mich selbst zu gewinnen. Ich lerne dadurch ganz stark zu unterscheiden: was ist meine eigene seelische Verfassung, durch die ich die Welt und mich selbst wahrnehme, und was ist die eigentliche Sache, die für mich und alle gültig ist. Eurythmisch lerne ich auch ganz anders wahrzunehmen und zu sehen, was ist die reine Eurythmie und wie diese, durch unterschiedliche Menschen, einen ganz anderen Charakter und Gesichtspunkt bekommt. Daher die Frage immer, wie kann ich, wie können wir, auf eigene Art oder/und bessere Art, dasselbe Element in die Welt bringen. In dieser Woche haben wir auch unsere Stunden, bzw. unsere erste Stunde für die Arbeiter vorbereitet. Ich hatte beschlossen auf verschiedene Art und Weise, mit den Mädchen Leminiskaten zu machen. Während dieser Woche durften wir aus Sekem nicht raus, und unser einzig freier Tag (der Freitag), haben wir auf Sekem verbracht.
In der dritten Woche haben wir mit dem Tierkreis angefangen - Tierkreis mit Kugel oder Stäbe, Übungen, die die Annemarie entwickelt hat, damit wir eine nähere Beziehung zu den geheimnisvollem Tierkreis entwickeln können. Durch dies, habe ich eine ganz andere Kraft gespürt und bekommen, die mir ein Geschenk für den ganzen Tag war.
In dieser Woche haben wir auch mit unseren eigenen Stunden angefangen - meine ersten Stunden im Leben überhaupt! In zehn Tagen haben wir jeweils eine halbe Stunde mit den verschieden Gruppe gearbeitet. Dies machte mir grosse Freude, aber es war und ist eine grosse Herausforderung gewesen. Eine bedeutende Hilfe war die Nachbesprechung, die wir jeden Tag hatten. Zu hören und zu erzählen was jeder erlebt hat, war sehr bereichernd. Aber Annemarie selber war auch eine Hilfe - immer bereit für alle Fragen und Unsicherheiten.
Durch die Revolution konnte eine zweite Person, die in der zweiten Woche den "Prozess" mit Annemarie führen sollte, nicht aus Deutschland kommen. Dadurch haben wir auch in dieser Woche unsere "Prozesse" weiter geführt und sie auch beenden können. Während der ganzen Zeit mussten wir sehr flexibel sein für neue Pläne und neue Gestaltung des Tages.
Die Revolution ging weiter, und auch in dieser Woche konnten wir nicht aus Sekem raus. Aber trotz aller Unruhe, hat keiner von uns sich
ernst überlegt, Ägypten zu verlassen, und mutig haben wir weiter gemacht. Und an diesem freien Freitag entschied Hosni Mubarak Regierung und Land zu verlassen.
In der vierten und letzten Woche, konnten wir endlich aus Sekem heraus und haben dann unsere Ausflüge nachgeholt. Unsere Stunden und die Arbeit mit den Tierkreis haben wir fortgesetzt. Dadurch das die "Prozesse" fertig waren, konnte Annemarie weitere Übungen mit uns machen.
Die Stunden mit den Arbeitern wurde abgeschlossen. Ich habe während der zehn Tage versucht, die Wahrnehmung eigener Bewegung im Verhältnis zu den Anderen und zum Ganzem, zu entwickeln. Noch habe ich versucht das Fliessende in der Bewegung zu fördern, ohne Endpunkt und Zwischenstopp. Dadurch hoffe ich einen Gegensatz und Kompenzierung (Ausgleich) der bewegungsbegrenzenden Arbeit gewonnen zu habe.
Zum Abschluss konnten wir alle Eurythmisten (die Ausländer und die Ägypter) eine schöne Zeit miteinander verbringen. Zusammen haben wir schöne Ausflüge gemacht. Wir waren die erste Gruppe, die nach der Revolution die Giza Pyramide besucht haben.
Ein Bisschen vom Land und von der ägyptischen Realität zu sehen, hat mir sehr geholfen, den soziale Zustand zu verstehen und die Sekeminitiative sehr zu schätzen. Durch die vier Wochen hindurch, konnte ich sehen, was die MENSCHLICHE Fähigkeiten eigentlich schaffen kann. Dies stärkt meine Hoffnung und Glaube an die Menschheit und weckt in mir eine grosse Dankbarkeit.
Die Soziale Lage hat in meiner Seele eine grosse Herausforderung erleuchtet: wie können wir alle, das "WIR" schaffen für das soziale Leben, ohne "sie und wir", wo alle "ich, du und er" beteiligt sind in das ganze "WIR"? Diese Frage trage ich weiter, denn auch hier im Brasilien ist sie ungemein wichtig und, meiner Meinung nach, einer der Kernpunkte einer möglichen und nötigen sozialen Entwicklung.
Eurythmisch habe ich stofflich sehr viel durch die vier Wochen mit Annemarie bekommen. Ihre Kreativität mit den eurythmischen Elementen war für mich sehr inspirierend, und ich habe kennen gelernt, wie man gründlich und aber doch frei mit den Elementen umgehen kann. Andere Aspekte dieser Ausbildung, durch die ich sehr viel gelernt habe, ist das "WIE UNTERRICHTEN" und welche Haltung ich dabei haben kann.
Diese in Sekem verbrachte Zeit hat für mich einen grossen Wert für den Einstieg in das Unterrichten und überhaupt für mich als Eurythmistin und werdender Mensch! In jeder Beziehung empfinde ich eine grosse Dankbarkeit, insbesondere zu Annemarie, die in der ganzen Zeit der Revolution, die eurythmische Arbeit mit voller Sicherheit durchgeführt hat, mit der Überzeugung, dass das was wir auf Sekem machten, seine Wirkung auf das Ganze hat. Diese Überzeugung bewundere ich sehr. Dadurch konnten wir, trotz allem äusseren Widerstand, unsere Ausbildung durchführen und beenden.
Botucatu - Brasilien, 3. März 2011